SFV-Geschäftsführer Hans Scheuerer offiziell in Ruhestand verabschiedet

Über 32 Jahre lang prägte Hans Scheuerer (62) maßgeblich die Entwicklung des Süddeutschen Fußball-Verbandes. Jetzt geht die erfolgreiche Karriere zu Ende. Im Anschluss an die Zukunftstagung des Regionalverbandes in Stuttgart wurde der SFV-Geschäftsführer offiziell in den Ruhestand verabschiedet. „Wir sind dankbar, mit Hans Scheuerer einen stets sympathischen, hilfsbereiten und in höchstem Maße fachkompetenten Partner an der Spitze der Münchner Geschäftsstelle gehabt zu haben“, erklärte SFV-Präsident Dr. Rainer Koch vor zahlreichen Ehrengästen im Business-Bereich der Stuttgarter Mercedes-Benz Arena. In mehreren Gesprächsrunden blickten Freunde und Wegbegleiter Scheuerers auf die Karriere des ehemaligen Bundesliga-Schiedsrichters zurück, der 1979 die Geschäftsführung des SFV übernommen hatte.

Abschied Scheuerer

Bild: Dr. Rainer Koch und Ronny Zimmermann bedanken sich beim scheidenden SFV- Geschäftsführer Hans Scheuerer

Die Aufgaben von Hans Scheuerer übernimmt der bisherige Referent der SFV-Geschäftsstelle, Martin Schweizer.

Kurzvita Hans Scheuerer
Hans Scheuerer wurde am 18. Oktober 1949 in Weißenbach bei Nürnberg geboren. Nach dem Abitur und dem Wehrdienst absolvierte er 1972/73 ein Volontariat bei der Nürnberger Zeitung und machte anschließend eine Ausbildung zum Industriekaufmann und Wirtschaftsassistent in Frankfurt. Von 1977 bis 1979 arbeitete Hans Scheuerer als Sachbearbeiter in der Rechtsabteilung des Deutschen Fußball-Bundes. 1979 übernahm er die Geschäftsführung des Süddeutschen Fußball-Verbandes in München.
Als Schiedsrichter gelang Scheuerer 1984 der Aufstieg in die 1. Bundesliga, in der er bis 1996 insgesamt 103 Spiele leitete. Als Schiedsrichterassistent oder Vierter Offizieller kam der Mittelfranke auch zu zahlreichen internationalen Einsätzen bei Länderspielen oder Europapokal-Begegnungen. Seit 1996 ist Hans Scheuerer als Schiedsrichter-Beobachter von der Regionalliga bis zur Bundesliga tätig. 2007 wurde er in den DFB-Spielausschuss berufen und seit 2010 ist er Mitglied in der DFB-Schiedsrichterkommission.

Hans Scheuerer stellt den Dortmunder Gerhard Poschner vom Platz

Beim Bayerischen Fußball-Verband war Hans Scheuerer unter anderem Beisitzer im Nürnberger Schiedsrichterausschuss, Obmann der Schiedsrichtergruppe München und Vorsitzender des Jugend-Sportgerichts Oberbayern.

In seiner Jugend spielte Scheuerer beim SV Frankonia Nürnberg und wurde 1968 Nürnberger Kreismeister bei den A-Junioren, ehe er sich ausschließlich seiner Schiedsrichter-Karriere widmete.

Interview
Über 32 Jahre lang prägte er maßgeblich die Entwicklung des Süddeutschen Fußball-Verbandes. Jetzt geht der SFV-Geschäftsführer Hans Scheuerer (62) in den Ruhestand. Der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter (103 Einsätze) kann in jeder Hinsicht auf eine erfolgreiche Karriere zurückblicken. Im Interview spricht er über die Entwicklung der Fußballverbände, Spielklassenreformen, technische Hilfsmittel für Schiedsrichter und unvergessene Momente seiner eigenen Karriere.
Herr Scheuerer, Sie sind seit über 32 Jahren Geschäftsführer des Süddeutschen Fußball-Verbandes. Wie haben sich der SFV aber auch die Landesverbände und der Deutsche Fußball-Bund in dieser Zeit verändert?

Hans Scheuerer: Eine schwierige Frage. Ich denke, in den 1970er und 80er Jahren stand noch fast ausschließlich der Fußball selbst im Mittelpunkt. Inzwischen sind bei den Verbänden viele neue Betätigungsfelder hinzugekommen, der soziale Bereich nimmt zum Beispiel einen großen Stellenwert ein. Finanziell sind die Verbände heute auch breiter aufgestellt. Marketingaktivitäten haben früher gerade bei den Landesverbänden eher eine untergeordnete Rolle gespielt. Heute sind sie nicht mehr wegzudenken, damit die Verbände ihre vielfältigen Aufgaben auch erfüllen können.

Vor kurzem wurde beim SFV-Verbandstag in Kassel ein neues Präsidium gewählt. Neuer Präsident ist Dr. Rainer Koch, Chef des Bayerischen Fußball-Verbandes, Vizepräsident nun Ronny Zimmermann, der an der Spitze des Badischen Fußball-Verbandes steht. Wie ist der SFV aus Ihrer Sicht aktuell aufgestellt?

Hans Scheuerer: Ich gehe davon aus, dass die sportpolitische Bedeutung des SFV wieder mehr in den Vordergrund rückt. Die Besonderheit aber auch die Schwierigkeit der Regionalverbände liegt ja darin, dass sie nicht Vereine sondern Verbände als Mitglieder haben, die für sich genommen strukturell sehr unterschiedlich sind. Doch gemeinsam steht der SFV für fast 10.000 Klubs und über 67.000 Mannschaften. Diese Kraft muss wieder mehr genutzt werden, um die Interessen der Landesverbände zu bündeln und auch gegenüber dem DFB zu vertreten. In der Vergangenheit wurde der SFV in der Öffentlichkeit hauptsächlich aufgrund der von ihm organisierten Spielklassen wahrgenommen.

In den letzten Jahrzehnten haben Sie zahlreiche Spielklassenreformen kommen und gehen sehen. Was halten Sie von der Aufstockung der Regionalliga von drei auf fünf Ligen zur Saison 2012/2013?

Hans Scheuerer: An der Nahtstelle zwischen Profi- und Amateurfußball ist es schwierig, die richtige Ligenzahl und regionale Zusammensetzung zu finden. Die absolut passende Konstellati- on war bei den bisherigen Spielklassenreformen noch nicht dabei. Für den Südwesten ist das neue Modell nicht optimal. Dort spielen Mannschaften aus sieben verschiedenen Landesverbänden in einer einzigen Regionalliga. Das ist sicher nicht das Gelbe vom Ei. Ich bin kein Prophet, aber vielleicht muss man in ein bis zwei Jahren wieder neue Überlegungen anstellen. Die DFL hat vielleicht bei ihrem Widerstand gegen eine sechste Regionalliga die geografische Struktur in Deutschland und die Struktur der Verbände nicht ausreichend beachtet. Fünf Regionalligen sind definitiv eine zu wenig. Um die Zahl der Regionalliga-Vereine bei sechs Ligen aber nicht zu groß werden zu lassen und die von der DFL befürchtete Verwässerung der Spielstärke zu verhindern, könnte ja auch mit 16 statt 18 Mannschaften pro Liga gespielt werden.

Sie haben 67 Zweitligaspiele und 103 Bundesligaspiele gepfiffen, sind aber mit 35 Jahren 1984 erst spät in die Bundesliga gekommen. Eigentlich ungewöhnlich, oder?

Hans Scheuerer: Zur damaligen Zeit wurden die jungen Schiedsrichter bei weitem noch nicht so stark gefördert. Heute geht es wesentlich schneller. Bei mir kamen noch zwei Umzüge hinzu, der erste von Nürnberg nach Frankfurt, wo ich zunächst eine Ausbildung zum Industriekaufmann und Wirtschaftsassistent gemacht und dann als Sachbearbeiter in der Rechtsabteilung des DFB gearbeitet habe. Im neuen Landesverband musste ich mich als Schiedsrichter erst einmal wieder hinten anstellen. Ich konnte mich aber schließlich doch durchsetzen und hätte schon 1979 aufsteigen sollen. Aber mit meiner neuen Tätigkeit als SFV- Geschäftsführer war ein weiterer Ortswechsel nach München verbunden. Meine Karriere hat sich dadurch verzögert, aber sie wurde eigentlich nicht beeinträchtigt, weil ich so noch mehr Erfahrungen in den Amateurklassen sammeln konnte. Diese solide Grundausbildung hat mir dann beim Aufstieg in die zweite und erste Liga geholfen.

SR Scheuerer

Was waren die Höhepunkte Ihrer Schiedsrichterlaufbahn?

Hans Scheuerer: Die Reisen durch Europa. Weil ich kein internationaler Schiedsrichter war, hatte ich nur als Assistent oder Vierter Offizieller die Möglichkeit, ins Ausland zu kommen. Kurz bevor ich beim DFB altersbedingt aufhören musste, durfte ich vor der Europameisterschaft 1996 im letzten Testspiel Englands gegen Ungarn im alten Wembley-Stadion als Assistent von Markus Merk ran. Da ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Es gab nur ein Problem: Ich war schon zwölf Jahre Bundesliga-Schiedsrichter, hatte daher seit fast acht Jahren zum ersten Mal wieder eine Fahne in der Hand, und das auch noch in einem Länderspiel. Aber nach einer Viertelstunde ging es und ich habe mich wieder sicher gefühlt. Auf nationaler Ebene zählt sicher mein 100. Bundesliga-Spiel zwischen Leverkusen und Freiburg 1995 zu den schönsten Erlebnissen, genauso wie das DFB-Pokal-Halbfinale VfL Bochum – Hamburger SV 1988.

Hans Scheuerer beim Länderspiel England - Ungarn 1996 im Wembley-Stadion

Bild: Hans Scheuerer an der Seite von Markus Merk im altehrwürdigen Wembley-Stadion im Einsatz

Gab es auch kuriose Einsätze?

Hans Scheuerer: In der Saison 1984/85 stand ich im Viertelfinal-Rückspiel des Europapokals der Landesmeister zwischen Dnjepr Dnjepropetrowsk und Girondins Bordeaux an der Seitenlinie. Eigentlich war aber weniger das Spiel, sondern die Anreise in die ehemalige Sowjetunion und heutige Ukraine ein absolutes Highlight. Weil in München-Riem die Startbahn zugeschneit war, habe ich in Frankfurt den Anschlussflug nach Moskau verpasst. Damals gab es jeden Tag nur einen Moskau-Flug. Meine Kollegen waren also schon weg, ich musste in Frankfurt übernachten und bin dann erst am nächsten Morgen nachgeflogen. In Moskau erfuhr ich von meinem Betreuer, dass der Weiterflug zum Spielort wegen dichten Nebels gestrichen wurde und wir den Zug nehmen müssen. Seine knappe Antwort auf meine Frage, wie lange es dauert: 16 Stunden. Weil in Dnjepropetrowsk militärisches Sperrgebiet war, wurde in Krivoy Rog gespielt und wir mussten vom Bahnhof nochmal 300 Kilometer mit dem Auto zum Spielort fahren. Anstoß war 18 Uhr und ich kam um 15.30 Uhr an, nach fast 56 Stunden Anreise. Das Spiel selbst ist dann wie im Zeitraffer an mir vorbeigerauscht. Der Rasen war braun statt grün, weil kurz zuvor der Schnee geschmolzen war, das Spiel ging 1:1 aus und Bordeaux stand im Halbfinale.

Auf Funktionärsebene sind Sie seit 1996 Schiedsrichterbeobachter von der Regionalliga bis zur Bundesliga und seit 2010 auch Mitglied der DFB-Schiedsrichterkommission. Haben es die Schiedsrichter heute schwerer?

Hans Scheuerer: Eindeutig ja. Schiedsrichter stehen heute viel mehr unter Beobachtung der Medien. In den 1980er Jahren hat die Sportschau jeweils nur drei oder vier Bundesligaspiele gezeigt. Ich erinnere mich an einen Platzverweis, den ich bei einem Bundesligaspiel in Kaiserslautern ausgesprochen habe. Davon gibt es keine Fernsehbilder. Das wäre heute undenkbar. Jede einzelne Szene wird aus allen möglichen Kameraperspektiven beobachtet und x-fach aufgearbeitet. In der vierten oder fünften Einstellung erkennt man erst, ob der Schiedsrichter einen Fehler gemacht hat oder nicht.

Sie halten das für übertrieben.

Hans Scheuerer: Dass jede einzelne Entscheidung auf die Goldwaage gelegt wird, lässt sich leider nicht mehr verhindern. Es wird dadurch aber immer schwieriger für die Schiedsrichter. Mögliche Fehler werden in der Wahrnehmung und Bewertung deutlich über die Gesamtleistung stellt. Das erscheint mir oftmals nicht gerecht.

Können technische Hilfsmittel wie die Torkamera oder der Videobeweis die Arbeit der Schiedsrichter erleichtern?

Hans Scheuerer: Ich persönlich glaube, dass verstärkter Einsatz der Technik dem Fußball nicht gut tut. Wenn im Fernsehen immer mehr knifflige, kritische oder vom Schiedsrichter falsch entschiedene Situationen gezeigt werden, nimmt auch in den unteren Spielklassen das Vertrauen in die Schiedsrichter ab. Ich weiß nicht, was das soll. Spieler und Schiedsrichter werden unterschiedlich behandelt. Die Fehler der Schiris werden genüsslich aneinandergereiht, die Fehler einzelner Spieler höchstens zur Kenntnis genommen und kurz angesprochen. Ein Spieler kann sich mit seinen Fehlern in einer Mannschaft verstecken, die Entscheidungen des Schiedsrichters stehen isoliert da und werden immer stärker gewichtet. Dafür gibt es keinen Grund.

Sie haben nach der Bundeswehrzeit ein Volontariat bei der Nürnberger Zeitung gemacht. Welche Abschlussfrage hätte sich der Journalist Hans Scheuerer selbst gestellt?

Hans Scheuerer: Jetzt, wo ein neuer Lebensabschnitt beginnt, sicher die Frage, ob ich mit den Dingen, die ich gemacht habe, zufrieden bin.

Und die Antwort?

Hans Scheuerer: Ich habe oft sehr viel Glück gehabt und immer schnell gemerkt, wenn ich vielleicht mal ein paar Meter in die falsche Richtung gelaufen bin. Also bin ich wieder zurück auf Los und in die richtige Richtung marschiert. Ich bin glücklich, dass alles so gut gelaufen ist und ich viele schöne Dinge erlebt habe, sowohl als aktiver Sportler und Schiedsrichter, als ehrenamtlicher Funktionär wie auch im Berufsleben.

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